...ich weiss, dass dies ein Brief ist, der Dich nie erreichen wird.
Und trotzdem schreibe ich ihn und richte ihn an Dich.
Es ist nicht einfach für mich, zu akzeptieren, dass Du nicht mehr bei mir bist.
Vor ein paar Jahren, als Du mich abgeholt hast, hast Du zu unserer Mutter gesagt, dass Du nun Deine eigene Familie hast.
Damals hast Du mir gesagt, dass sich das nicht auf mich bezieht und ich war wirklich der festen Überzeugung, Du würdest die Wahrheit sagen.
...
Meine Güte, wenn Du wüsstest, wie sehr ich dich als Bruder vergöttert und geliebt habe.
Wenn Du es nun sogar noch schaffst, dass ich wegen Kleinigkeiten weine.
Und Du weisst verdammt gut, dass mich selten jemand zum weinen bringen kann.
Ich will Dir nicht vorwerfen, dass Du unsere Familie verraten hast, indem Du einfach Deinen Weg gegangen bist.
Aber ich werfe Dir vor, dass Du Dich in den Jahren, in denen Du mit Deiner Frau zusammen bist, um 180° gedreht und verändert hast.
Es tut weh, zu wissen, dass alles, was wir zusammen erlebt haben, nur noch Erinnerungen sind, die sich nicht mehr real anfühlen..
Als hätte ich all die Erlebnisse und jeden Moment in einem Buch gelesen und mir im Kopf vorgestellt.
Schon komisch, oder?
Wie wir uns alle entwickeln und unsere Wege immer in grösseren Gabeln auseinander gehen.
Ich hab in all den Jahren nun, wo wir keinen Kontakt mehr haben zueinander, alles mit Wut und Zorn überspielt, alles unterdrückt.
Aber als ich nun vor kurzem erfahren habe, dass Du Vater wirst, ist mir erst wirklich bewusst geworden, wie sehr ich Dich eigentlich vermisse.
Ich weiss nicht, ob Du das je wirklich gemerkt oder gewusst hast, aber Du warst immer mein grösster Held in der Familie.
Du warst immer der, der für mich da war, mich verteidigt und sich mit mir beschäftigt hat, als wir noch klein waren.
Ich denke nun noch oft an unsere selbst erfunden Batman und Robin Abenteuer, die ganzen Schirme, die wir beim Schirm-Häuschen-bauen kaputt gemacht haben und die Zeiten, in denen ich zu Dir kommen konnte, wenn ich Albträume hatte oder einfach so, weil ich wusste, dass ich bei Dir länger wach bleiben durfte.
Für mich gab es keine schöneren Momente, als die, in denen ich mit Dir zusammensein durfte.
Ich habe mich immer darum bemüht, Dir hinterher zu eifern.
Hab mit Dir Wrestling geschaut und Du dafür mit mir Trickfilme.
Anfangs fand ich Wrestling blöd, aber da Dir viel daran lag, bin ich wohl oder übel damit aufgewachsen.
Weisst Du noch, als Du Jahre später strahlend zu mir gekommen bist mit dem Satz:
"Rat mal, was wieder im TV kommt :D"
Und erst da habe ich die Freude wirklich ehrlich mit dir teilen können.
Sei es Anfangs nur deswegen gewesen, weil ich an unsere Kindheit erinnert war.
Und wenn wir gerade beim Knochenbrechen und Kopf einschlagen sind.
Bis heute habe ich etwas nicht verstanden..
Als ich damals mit sieben beim Rollerbladen meinen Arm gebrochen habe, warst Du auf einmal da.
Du wusstest doch gar nicht, wo ich bin.
Wie konntest Du genau zu diesem Zeitpunkt mit dem Fahrrad bei mir sein und mich nach Hause bringen?
Mir fällt auch auf, dass ich Dich das nie wirklich gefragt habe.
Aber zurück in die Gegenwart..
Deine Hochzeit.
Ich hab mir so viel Mühe gegeben, euch zu helfen und euch besonders Dir eine Freude zu machen.
Wobei.. es wäre gelogen, würde ich sagen, ich hätte nie versucht, besser mit deiner Frau auszukommen.
Hey, es gab sogar die Momente, wo ich sie wirklich mochte und wir uns super verstanden.
Ich wünschte mir, es hätte so bleiben können.
An eurer Hochzeit habe ich geholfen alles vorzubereiten und habe für euch gesungen, weil Du dir das so sehr gewünscht hast.
Ich hab extra Dein Lieblingslied gesungen, weil ich wusste, dass Dir das in Erinnerung bleiben wird.
Nach der Feier habt ihr euch bei mir bedankt und ich weiss, dass eure Dankbarkeit echt war bzw. vielleicht noch immer ist.
Du hast mir gesagt, dass ich Deine Trauzeugin gewesen wäre, wäre ich zu dem Zeitpunkt schon mündig gewesen.
Der Gedanke allein hat mir schon gereicht, drum war es auch ganz okay so.
Mir hat es schon viel bedeutet, dass ich euch zu eurem schönsten Tag im Leben verhelfen durfte.
Wow.. und jetzt ist es tatsächlich schon soweit, dass Du Vater wirst.
Was wohl in dir vorgeht?
Bist du nervös? Wird es ein Mädchen oder ein Junge?
Wer.. wer wird Patentante?
Ich komme dafür ja wohl nicht mehr in Frage, was?
.. soviel war euch ein Versprechen wert.
Ich habe mich zwar immer mit Händen und Füssen dagegen gewehrt, aber euch war klar, dass ich nie nein gesagt hätte.
Schickst Du mir eine Karte, wenn Dein Kind zur Welt kommt?
Wird das einer dieser Momente sein, bei denen wir uns an einer Kreuzung wiedertreffen und überlegen, ob wir vielleicht ein Stück zusammen die Strasse gehen wollen?
Wo wir den Zug vielleicht nicht abfahren lassen, sondern zusammen einsteigen und den Weg einer Familie wiederfinden?
So sehr ich mir das auch wünsche, der Knoten in meinem Innern deutet darauf hin, dass es auch nichts anderes bleiben wird als ein Wunschdenken.
Weisst Du, ich habe gesagt, dass Du Dir nicht viel aus gegebenen Versprechen machst.
Dass Du immer für mich da bist, der Grosse Bruder bist, den man sich wünscht, immer hinter mir stehst und mir ein einfaches "ich hab dich lieb" sagst.
Oder mir einfach zeigst, dass es so ist.
Ich hab Dir mal versprochen, dass ich da bin, wenn etwas ist, dass Du auf mich zählen kannst.
Dass ich deine kleine Schwester bleibe, komme, was wolle.
Und auch wenn Du es warst, der es erst richtig geschafft hat, dass in mir drin die Welt einer perfekten Familie bzw. die Geschwisterliebe stirbt, werde ich keinen Augenblick lang zögern, um da zu sein, sobald Du mich rufst.
Ich wünsche Dir alles Glück der Erde und hoffe, dass Du zufrieden bist mit jeder Entscheidung, die Du getroffen hast.
Du wirst ein toller Vater sein und Deinem Kind die Welt zu Füssen legen.
Ich bin mir sicher, dass Dein Kind irgendwann auch sagen kann, dass es stolz ist, einen Papa wie Dich zu haben.
Genau so, wie ich sagen kann, dass ich stolz darauf bin, dass ich einen Bruder wie Dich hatte.
Ich bin stolz auf die Vergangenheit und selbst wenn ich diese nunmal nur als Erinnerung mit in die Zukunft nehmen kann.
Mit diesem ungeschickten Brief werde ich hoffentlich akzeptieren und verarbeiten können, dass Du nicht mehr da bist.
Vielleicht schliessen die Worte, die ich nie an Dich gerichtet habe, die Wunden, von denen Du nie erfahren wirst.
Und falls Du irgendwann an mich denken solltest, dann hoffe ich, dass Du mir das selbe wünscht wie ich Dir und Du nicht vergisst, was es heisst, eine kleine Schwester zu haben.
☆彡
Current Mood: 
sad